Dipl.-Arb. Kapitel 7 – Meine erste Erfahrung mit Linien und Formen in der Neurographik

 

 

Denn die Kunst ist eine Tochter der Freiheit.
Friedrich v. Schiller

 

Der Erstkontakt mit der Neurographik war 2017 eine sehr schmerzhafte Erfahrung. Ich beobachtete, dass ich ab einer gewissen Anzahl an Linien und Formen jedes Mal in einer Schmerzspirale landete, weil ich jegliche Orientierung auf dem Papier verlor und sich alles chaotisch und undurchsichtig, ähnlich einem Labyrinth, dessen Ausgang ich nicht fand, anfühlte.

Wenn ich Glück hatte, dauerte die Schmerzattacke nur wenige Stunden, aber sie konnte durchaus mehrere Tage anhalten. Es ging so weit, dass ich keine Lust mehr hatte auf diese Zeichentechnik. Ich beschloss, Stifte und Papier wegzupacken, da dies keine Methode war, die mir körperlich „guttat“.

Durch ein Gespräch mit einer befreundeten Künstlerin, die damals schon den Basiskurs absolviert hatte, wagte ich nach einer längeren Pause einen ganz individuellen Neuanfang mit der Neurographik, da ich einen Zusammenhang sah der körperlichen Reaktionen und meinen Traumaspuren.

Ich folgte nicht mehr in kostenlosen Webinaren den Anweisungen vom Master-Trainer Jörg Lehmann. Ich erlaubte mir einen Neustart „artgerecht auf meine Art“ mit der Neurographik. Mein Wissen über Traumafolgen und die jahrelangen Selbsterfahrungen waren Wegweiser. Ich wollte sehr bewusst keine Retraumatisierung auslösen.

Dem Ansatz der Polyvagaltheorie nach Stephen Porges folgend, vermied ich jegliche Überforderung des autonomen Nervensystems und ließ mir sehr viel Zeit für meine Zeichnungen. Ziel war, dass sich mein autonomes Nervensystem sicher fühlte und alle wichtigen Bereiche des Körpers so regulieren konnte, dass die Interaktion mit den Traumaspuren nicht zu einer totalen Blockade, körperlichen Dysfunktionen und massivem Stress führten. Es war mir wichtig, die eigene Erregungsgrenze genau zu spüren, wo ich durch weiteres Zeichnen trotz warnender Körpersignale übergriffig und verletzend mir selbst gegenüber werde, nur weil ich einer Anweisung durch einen Master-Trainer folge.

Sehr bewusst zeichnete ich wenige bionische Linien. Spürte genau, wann ausreichend Linien auf dem Papier waren und beobachtete wachsam jedes Körpersignal. Die Atmung war ein untrüglicher Indikator für meinen inneren Zustand. Sie signalisiert mir, ob ich eine stressige Situation noch im Griff habe, oder ob ich in der Hierarchie der vegetativen Zustände abrutsche. (Porges)

Ich zeichnete zunächst nur einen Kreis und ließ sehr viel freie weiße Fläche auf dem Papier. Neurographierte achtsam und wählte intuitiv meine Farben. Spürte, wann mein Bild fertig und ich zufrieden mit meinem Ergebnis war.

Schritt für Schritt erhöhte ich über Monate in den nächsten Zeichnungen, Linien und die Anzahl der Formen. Ließ immer noch sehr viel Freiraum, wodurch die Bilder eine große Klarheit ausstrahlten. Natürlich entsprachen diese ersten Bilder nicht ganz dem Basis-Algorithmus. Sie waren jedoch wichtig, um zu entscheiden, ob ich wirklich an einem Basiskurs teilnehmen konnte, ohne mich ständig in Schmerzspiralen zu führen und zu überfordern.

Nach über einem halben Jahr war mein autonomes Nervensystem bereit, ein gefülltes DIN-A4-Blatt mit Linien und acht Formen zu tolerieren. Aufkommende Emotionen und Verhaltensweisen angemessen zu regulieren. Dank der ständigen Reflexion mit meiner sehr liebevollen, achtsamen, verständnisvollen Freundin und Mentorin konnte ich Fragmente aufsteigender Trauma-Themen langsam und behutsam zusätzlich zur Zeichnung bearbeiten, wenn ich alleine nicht weiter kam und eine mir vertraute Begleitung bedurfte, um die Integration (Einbindung) des Erlebnisses in mein Leben zu ermöglichen.


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